|
Heft 2/2010
DAS DEBÜT
»Ich lerne, in der Gegenwart zu leben«
Lisa Rank über den Versuch, durchs Schreiben Gespenster zu vertreiben – und den Skandal um Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“.
Von Jan Drees (Interview)
Weil der Hype es verlangte, zog der Ullstein-Verlag den Erscheinungstermin von Helene Hegemanns Debüt "Axolotl Roadkill" ein paar Wochen vor. Und Suhrkamp war so sehr mit dem Umzug von Frankfurt nach Berlin beschäftigt, dass Elisabeth Ranks Debüt "Und im Zweifel für Dich selbst" ein paar Wochen später als geplant erscheinen wird - nämlich Ende Februar. Deshalb reden alle über die eine junge Autorin, während die andere alle Aufmerksamkeit verdient hätte: Sie schreibt nicht nur besser, nein: Elisabeth Rank muss sich auch keinen Plagiatsvorwürfen stellen. In ihrem großartigen Debütroman erzählt die 25-Jährige von zwei Studentinnen, die nach dem Tod eines gemeinsamen Freundes an die Ostsee fahren, ihre Trauer gegen das Meer tauschen, gemeinsam gegen den Schmerz ankämpfen.
Elisabeth Rank, Sie schreiben, fotografieren, bloggen, arbeiten für eine große Werbeagentur in Hamburg. Sind Sie ein besonders ehrgeiziger Mensch?
Wenn ich etwas gerne mache, dann soll es auch gut sein.
Warum schreiben Sie Bücher und bleiben nicht in der Blogosphäre?
Weil man sich das Internet nicht ins Regal stellen kann.
Das Buch bald auch nicht mehr…
Ich bin der festen Überzeugung, dass das Buch noch eine ganze Weile bleibt. Und selbst wenn nicht: Ich hab das ja auch geschrieben, um zu lernen, wie man so einen langen Text macht. Im Internet hat man eher selten den Atem, solche Längen durchzuhalten.
Eines Ihrer Netz-Pseudonyme ist "Emosozialprodukt“. Warum?
Oh, Gott. Das ist eine der Altlasten, die man so schlecht loswird. Alles nun fast zehn Jahre her und ich bin dann auch nicht jemand, der alles sofort umbenennt, wenn es ihm zu blöd ist... Ich bin da doch recht bequem. Dieser Name ist während eines Konzerts im SO36 entstanden. Eine Freundin und ich haben mit dem Rücken zur Bühne getanzt, weil wir’s so lustig fanden, wie das Publikum aussieht dabei. In dem Getümmel kamen wir irgendwie auf den Namen: vom Emo, der Musik, zu sozial, dem Konzert, zu Emosozialprodukt. Da war ich 16 Jahre alt. Ich identifiziere mich mit diesem Nickname nicht mehr, aber es ist so bequem, weil im Internet niemand so hieß.
Sie sind bei Facebook, bei Studivz, bei jetzt.de…
... und bei Myspace, da hab ich aber gerade das Passwort vergessen. Außerdem noch bei Flickr, Twitter, Lastfm ...
Dafür geht eine Menge Zeit ins Land.
Das merke ich kaum, das macht sich so mit. Außerdem sind Webseiten und Onlinesachen jetzt mein Beruf.
Besitzen Sie ein Kochbuch oder schlagen Sie Rezepte im Internet nach?
Ich besitze ein einziges Kochbuch, das ich von meiner Mutter mal zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, allerdings auf Wunsch, muss ich dazu sagen. Da stehen so Basics drin, Soßen, Suppen und so Dinge, die man, glaube ich, wissen muss, um dann mit der eigenen Prise ein paar Spirenzchen in der Küche zu veranstalten. Aber ja, ich habe auch schon Rezepte im Internet nachgeschlagen. Da ich keinen Drucker besitze, kritzel ich mir das wichtigste dann immer auf so kleine Zettel, die dann aus dem Kochbuch fallen, wenn man es das nächste Mal benutzt.
Ist Ihre Internetcommunity für Sie eine Art Familie?
Nein. Die meisten Leute, die ich da „kenne“, kenne ich nicht aus dem Internet, die kannte ich schon vorher. Aber das Internet hat mir auch ganz fulminante Menschen geschenkt, das kann und will ich nicht verleugnen. Der Rest ist Zeitvertreib, Inspiration, Publikationsplattform und Unterhaltung. Ich hab bisher fast alle meine Jobs übers Netz bekommen und Kontakte gepflegt.
Welche Jobs waren das?
Zum Beispiel der für Radio FM4. Eine Mitarbeiterin hat meinen Blog gelesen und gefragt: „Hey, hast du nicht Bock, für uns zu schreiben?“ Da habe ich zugesagt. Meinen Agenten habe ich über mein Blog kennengelernt, mein ehemaliger Chef ist auch darüber auf mich aufmerksam geworden. Und den Job in Hamburg hätte ich ohne diesen ganzen Internet-Kram wohl auch nicht bekommen.
Haben Sie denn noch Heimweh nach realen Orten, zum Beispiel nach Ihrer Homebase Berlin?
Natürlich vermisse ich Berlin, sehr oft sogar. Es ist seltsam, aus Hamburg wegzufahren, neulich war ich für ein Wochenende in Wien, und dann „nach Hause zu kommen“. Also in ein Zuhause, das noch gar nicht zuhause ist. Aber man nimmt sich dieses Homebase-Gefühl dank Internet ja auch immer ein bisschen mit.
In Ihrem Roman kommt das Internet nicht vor.
Richtig.
Das Meer ist für Ihre Heldinnen wichtiger.
Ja.
Welche Beziehung haben Sie zum Meer?
Ich war als Kind sehr viel an der Ostsee und mir geht es am Meer besonders gut. Deswegen finde ich auch den Wind in Hamburg so großartig, weil es den in Berlin nicht gibt, und in Hamburg vieles danach riecht. Es klingt immer so pathetisch, wenn man sagt „Es tut so gut, ans Meer zu fahren und sich ans Meer zu stellen“, aber es ist leider wirklich so. Also sich dahinstellen und eine Weile zu gucken und zu warten, bis man nichts mehr denkt, das ist besser als jeder Yogakurs. Für mich zumindest.
Verstehen Sie die Welt durch Sprache?
Auch, aber nicht nur. Wir haben im November mal „Therapy“ gespielt, nachts...
Wer ist wir?
Zwei Freunde und ich – das war ein sehr abstruser Abend. Jedenfalls haben wir „Therapy“ gespielt, dieses Gesellschaftsspiel, bei dem man andere Menschen einschätzen muss. Mir wurde die Frage gestellt, ob ich ein Vergangenheits,- Gegenwarts- oder Zukunftsmensch bin. Mein Gegenüber war der Meinung, ich sei ein Gegenwartsmensch. Ich habe das anders gesehen: Eigentlich sei ich eher ein Vergangenheitsmensch. Das kommt, glaube ich, daher, weil ich weiß, wie schnell Dinge, auf die man sich verlässt, verschwinden können. Mitunter hänge ich da manchmal noch fest. Aber ich lerne gerade so sehr wie noch nie, ein Gegenwartsmensch zu werden. Ich hangele mich an kleinen Dingen entlang. Ich brauche keinen Bungee-Sprung, um mich zu freuen, mir reicht da auch schon mal ein gutes Lied morgens aus Versehen oder so. Was ich damit sagen will: So nehme ich die Welt war, das hat nicht nur etwas mit Sprache zu tun, eher mit kleinen Bildern, die man dann übersetzt.
Ein Lied morgens aus Versehen?
Ja – ein Lied kann schon reichen, um gute Laune zu haben für den Tag. Ein Lied kann machen, dass das ein guter Tag wird, wenn man Glück hat.
Wie würden Sie die Frauenbeziehung in Ihrem Buch beschreiben?
Ich glaube, sie basiert auf vielen Jahren Freundschaft. Dass man sich halt schon länger kennt. Diese Frauenbeziehung zwischen Tonia und Lene ist eine sehr relaxte. Sie sind in einem Alter, in dem sie sich sehr verändert, Anfang Zwanzig, da passiert viel. Und sie wissen aber auch, dass es auch nicht selbstverständlich ist, dass man sich dabei nahe bleibt, sondern etwas dafür tun muss. Auch Kompromisse machen. Und sich sagen können, was man blöd findet, damit es irgendwie funktioniert.
Die beiden ticken aber auch ähnlich.
Ich glaube aber, dass Tonia eine viel reserviertere Person ist, viel kühler und nicht so impulsiv wie Lene. Da treffen sie sich in der Mitte. Deswegen können sie sich gegenseitig so befruchten und für einander da sein, weil sie eben nicht beide immer sofort explodieren oder so, sondern sich da irgendwie abwechseln und gegenseitig schieben und erziehen, je nach dem.
Kann man Gespenster vertreiben durchs Schreiben?
Ja. Da macht man sie irgendwie fassbar und legt sie in eine Schublade.
Welche Gespenster haben Sie dort abgelegt?
Den Mythos, dass man nicht drüber hinweg kommt. Der war das einzige große Gespenst und jetzt ist er kein Gespenst mehr, sondern eher eine Sache, mit der man irgendwie umgeht, die nicht vollständig weg ist, aber mit der man irgendwie umgehen kann. Früher habe ich immer gedacht, damit umgehen zu können, also mit einem großen Verlust, würde bedeuten, dass es einem weniger wichtig ist. Das sehe ich jetzt anders.
Welchen Verlust meinen Sie?
Den Verlust eines geliebten Menschen.
Was kann Schreiben für Sie noch – außer Verluste kompensieren?
Glücklich machen, zum Lachen bringen, ablenken, Zufriedenheit auf den Tisch legen. Schreiben kann für mich die Dinge ordnen. In meinem Kopf ist das alles meistens sehr wirr. Wenn ich die Dinge aufschreibe, bin ich gezwungen zu fokussieren, mich zu konzentrieren, eine Beschreibung für Zustände zu finden, das bringt eine Menge in Reihenfolge. Und danach fühle ich mich aufgeräumter.
Was machen Sie nun nach der Veröffentlichung Ihres Debüts?
Das, was ich die ganze Zeit schon mache: Schreiben, arbeiten, Menschen sehen, Musik hören, über eine neue Geschichte nachdenken. Und ich würde dieses Jahr gern mal wieder richtig in den Urlaub fahren. Das ist der Plan.
Gerade gibt es eine Debütantin, Helene Hegemann mit "Axolotl Roadkill", die einen enormen Erfolg beim Feuilleton einfährt – aber, um eine Sportmetapher zu bedienen, Ihre Leistung mit "Dopingmethoden" gesteigert haben soll: mit Plagiaten. Glauben Sie als Internetexpertin, dass dieses Phänomen mit Web 2.0-Gepflogenheiten zu tun hat?
Erst einmal muss ich sagen, dass ich Helene Hegemann ziemlich irre, im Sinne von “wow”, finde. Ich habe mir ein paar ihrer selbstgedrehten Videos angeschaut, und ich mag es, wenn jemand sicher mit popkulturellen Verweisen umgehen kann, wenn jemand sich beschäftigt mit dem ganzen Krempel, der uns alle umgibt. Und das in dem Alter. Ich weiß nicht, wie sehr ihr jemand beim Schreiben dieses Buches zur Seite stand, und möchte darüber auch nicht urteilen. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich jemand inspirieren lässt und Ideen weiterentwickelt, da kommen oft sehr gute Ergebnisse raus. Dennoch bin ich der Meinung, man sollte Quellen kenntlich machen, und wenn’s nur ein Sternchen hinten im Buch oder ein Dankeschön ist. Das ist auch so eine Respektsgeschichte, die ich im Internet manchmal vermisse in dieser ganzen Urheberrechtsdiskussion und dem ganzen Bohei drumrum. Da geht es oft einfach nicht nur um Geld oder so etwas, sondern um die Frage von „Bitte“ und „Danke“. Das ist einfacher, als man denkt und tut keinem weh, denke ich. Vielleicht ist das aber auch einfach ein bisschen unglücklich gelaufen – und es wird sich ja auch offen dazu bekannt. Da regelt man das öffentlich, und gut ist’s.
Welche Anwendung fehlt Ihnen im Internet?
Meistens fehlt mir vor allem etwas mehr gesunder Menschenverstand. Mit ein bisschen mehr Nachdenken und Respekt wäre vielen geholfen, auch dem Internet.
Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst, Suhrkamp, 200 Seiten, 12,90 Euro
Die Webseite von Lisa Rank finden Sie im Internet unter:www.lisarank.de
Das Blog der Autorin, dem wir auch die Bilder entnommen haben, finden Sie unter: mevme.com/lizblog
jetzt bei amazon.de bestellen >>
jetzt bei Buch24 bestellen >>
jetzt bei Buecher.de bestellen >>
zurück zur vorherigen Seite
|